Der Fachkräftemangel beschäftigt heute so gut wie alle Branchen. Der demografische Wandel kennt schlichtweg keine Berufsbilder. Am Bau scheint die Herausforderung dennoch besonders hoch. Woran liegt das? Ein Blick in die nackten Zahlen gibt Aufschluss.

Das sind die Zahlen zum Fachkräftemangel am Bau

Faktencheck



Dieser Artikel wurde im Exkurs 5/2018, 05. November 2018, veröffentlicht.

Seit Mitte der 90er-Jahre hat es in der Bauindustrie einen enormen personellen Anpassungsprozess gegeben, wie Zahlen des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie unter Berufung auf Angaben des Statistischen Bundesamts belegen. Die Gründe hierfür waren u. a. eine insgesamt schwächelnde Bautätigkeit in Folge knapper Mittel und ausbleibender Investitionen sowie die globale Weltwirtschaftskrise in den Nullerjahren. Die insgesamt sehr unstete Situation führte schließlich dazu, dass die Zahl von 1,4 Mio. Beschäftigten im Bauhauptgewerbe im Jahr 1995 bis zum Jahr 2017 um fast die Hälfte reduziert wurde.

Die Struktur des Bauhauptgewerbes

  • Betriebe:
    1995 = 73 850
    2017 = 74 960
  • Beschäftigte:
    1995 = 1400 000
    2017 = 812 000
  • Durchschnittliche Beschäftigtenzahl je Betrieb:
    1995 = 19,4
    2017 = 10,9
  • Umsatz:
    1995 = 117 Mrd. Euro
    2017 = 114 Mrd. Euro

Aktuell ist die Konjunktur am Bau wieder auf Rekordkurs - und das mit einer für die Branche sehr erfreulichen Kontinuität. Sowohl die Anzahl der Betriebe als auch der Umsatz im Bauhauptgewerbe liegen nahezu wieder auf dem Niveau der Hochphase Mitte der 90er-Jahre.

Auch die Anzahl der Mitarbeiter ist in der jüngeren Vergangenheit wieder leicht gestiegen. Gerade vor dem Hintergrund der sehr guten Auftragslage ist der Aufholbedarf allerdings immens.

Beschäftigtenstruktur im Bauhauptgewerbe (2017)

Je nach Betriebsgröße ist die Beschäftigtenstruktur bei den Firmen des Bauhauptgewerbes leicht unterschiedlich. Durchschnittlich sieht es jedoch wie folgt aus:

Naturgemäß besteht der überwiegende Anteil der Arbeitnehmer im Bauhauptgewerbe aus sog. Arbeitern. Unter dieser etwas überkommenen Einstufung werden Mitarbeiter gefasst, die überwiegend körperliche arbeiten verrichten. Der Statistik zufolge war diese Beschäftigtengruppe besonders schwer vom Absturz des Bauarbeitsmarktes seit den 90er-Jahren betroffen. Während die Zahl der Arbeiter zwischen 1995 und 2017 um 55 % zurückging, reduzierte sich die Zahl der sog. Angestellten (vorwiegend geistige Tätigkeiten) um 39 %.

 

Stabilisierung und Aufbau

Der Absturz am Bauarbeitsmarkt seit Mitte der 90er-Jahre war heftig. Lange galt die Baubranche als unstet. Das hat sich allerdings stark geändert. Spätestens seit 2009 zeigt sich die Baukonjunktur stabil. Aufgrund der wiedererstarkten Geschäftslage und vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden demografischen Wandels bauen die Unternehmen ihre Belegschaften wieder auf.

Parallel dazu hat auch die Zahl der Beschäftigten in Architektur- und Ingenieurbüros wieder stark zugenommen: Zwischen 2000 und 2009 sank die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Bereich um 8 %. Seitdem ist sie wieder um ganze 43 % auf 456 000 (Stand 2017) gestiegen.

Wie wichtig der Aufbau und die Stabilisierung des Bauarbeitsmarktes sind, zeigt sich u. a. am Rohbauvolumen in Deutschland. In der Hochphase um das Jahr 1995 lag dieses bei etwa 112 Mrd. Euro. Zwischenzeitlich ist es auf knapp70 Mrd. Euro gefallen. Seit etwa 2015 hat sich das Rohbauvolumen in Deutschland wieder bei 80 bis 85 Mrd. Euro eingependelt, wobei nach Schätzungen des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie aktuell ein konjunktureller Höhepunkt erreicht wurde, der aber in den kommenden Jahren auf einem stabilen Niveau leicht darunter weiterlaufen wird.

Die Auftragslage übersteigt dabei immer häufiger die Kapazitäten der Bauunternehmen. Im ifo Konjunkturtest gaben 2017 19 % der befragten Unternehmen an, dass ihre Arbeit durch den Fachkräftemangel behindert wird.

 

Mehr Beschäftigte aus dem Ausland

Beim Aufbau der Belegschaften am Bau spielen zunehmend Arbeitnehmer aus dem Ausland eine wichtige Rolle. So hat der Anteil an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Bauhauptgewerbe mit einem ausländischen Pass im letzten Jahrzehnt um mehr als das Doppelte zugenommen.

Und auch die Zahl der Entsandten aus dem EU-Raum ist wieder gestiegen: Waren es 1999 noch 126 085, fiel die Zahl der Entsandten bis 2009 auf 51240. Seit 2010 werden es jährlich wieder mehr. Aktuell liegt die Zahl wieder über 100 000.

 

Das Grundproblem: der demografische Wandel

Als Hauptgrund für den Fachkräftemangel gilt der demografische Wandel. In der Tat werden die Belegschaften immer älter, während in der jüngeren Vergangenheit geburtenschwache Jahrgänge zu verzeichnen waren. Jedes Jahr gehen nach Angaben der Sozialkasse des Baugewerbes mehr als 11 000 Bauarbeiter in der westdeutschen Bauwirtschaft in Rente.

Nach Schätzungen des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie müssen damit für Gesamtdeutschland betrachtet pro Jahr ca. 15 500 Bauarbeiter neu dazugewonnen werden.

Sorge bereitet der Branche dabei auch, dass die Belegschaften immer älter werden und sich der Trend damit noch verschärft: Lag der Schnitt bei den gewerblichen Arbeitnehmern am Bau, die 45 Jahre oder älter sind, im Jahr 2000 noch bei 32 %, waren es 2017 schon 50 %.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Zahl der für die Bauwirtschaft relevanten Schulabgänger seit einiger Zeit rückläufig ist. Während die Zahl der Absolventen mit allgemeiner Hochschulreife seit 2004 um bis zu 30 % gestiegen ist, zeigt der Trend in den anderen Abschlussarten deutlich nach unten.

Ausbildung

Entsprechend mau sieht es bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen im Bauhauptgewerbe aus. Aus den regelmäßigen Umfragen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) geht hervor, dass die Zahl der Bauunternehmen, die alle offenen Ausbildungsstellen besetzen konnten, von Jahr zu Jahr sinkt. Waren es 2007 noch lediglich 13 %, sind es im Jahr 2017 schon 42 % gewesen. Auf die Frage nach dem Warum gaben im Jahr 2017 69 % der befragten Unternehmen an, dass keine geeigneten Bewerbungen vorlagen; 42 % sagten, es lagen gar keine Bewerbungen vor.

Auch die Zahl der Ausbildungsbetriebe hat nach Angaben der Sozialkasse des Baugewerbs seit 1995 merklich abgenommen. Waren es damals noch 26 903, engagierten sich 2017 nur noch 14 914 Bauunternehmen in der Ausbildung. Allerdings: Nach einem starken Rückgang bis 2003/2004 ist die Zahl der Ausbildungsbetriebe stabil geblieben. Darüber hinaus deutet aktuell alles darauf hin, dass mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und im Zuge des Fachkräftemangels eine Trendwende erfolgt.

Deutlich positiver sieht es beim Bauingenieurnachwuchs aus. Seit 2008/2009 hat sowohl die Zahl der Absolventen als auch der Studienanfänger merklich zugenommen. Im Jahr 2017 haben etwa 11 000 Studenten das Studium zum Bauingenieur erfolgreich abgeschlossen.

Ausblick

Der Fachkräftemangel wird für den Bau zunehmend zum Bremsklotz. Alle Indikatoren deuten darauf hin, dass sich die Branche auch über den aktuellen Konjunkturhochlauf stabil entwickeln wird. Die großen Herausforderungen im Wohnungsbau, Infrastrukturbau, Schulbau etc. führen dabei zu einem steigenden Bedarf an Arbeitskräften.

Immer wichtiger werden für die Bauunternehmen dabei auch Flüchtlinge. In einer Umfrage der Deutschen Industrie und Handelskammer gaben im vergangenen Jahr bereits 9 % der befragten Unternehmen in der Bauwirtschaft an, Flüchtlinge auszubilden - 2 % mehr als in der Gesamtwirtschaft. 27 % planen zumindest, in den kommenden zwei Jahren Flüchtlinge auszubilden. Entscheidend für eine erfolgreiche Integration sind die bürokratischen Rahmenbedingungen und der Aufbau von Deutschkenntnissen. Ein langwieriger Prozess.

Allein über das Thema Migration wird sich der Fachkräftemangel nicht decken lassen. Und das muss er auch nicht, da die Branche allen potenziellen Nachwuchskräften, unabhängig ihrer Provenienz, Vieles zu bieten hat.

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Verlagsbeilage Exkurs

Ausgabe 5/2018 - Ausbildung, Beruf und Karriere

Der Fachkräftemangel steht mittlerweile unangefochten an Platz 1 der Themen, die Unternehmen in Deutschland umtreiben. In der jüngsten Umfrage des Industrie- und Handelskammertages (DIHK) gaben kürzlich 61% der Teilnehmer an, dass sie in der zunehmend desolaten Personalsituation ihr größtes Geschäftsrisiko sehen. Auch in der Bauindustrie gerät die Nachwuchsgewinnung mehr und mehr zur Herkulesaufgabe....

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