"Wir stellen immer wieder fest, dass die Baubranche im Kern selbst gar nicht weiß, wie attraktiv sie ist." Emke Emken

"Die Bauwirtschaft ist eine faszinierende Branche"

Ausbildungszentrum Bau-ABC Rostrup



Dieses Interview wurde im Exkurs 5/2018, 05. November 2018, veröffentlicht.

Leistungsstarke Hightech-Baumaschinen, anspruchsvolle Handwerksarbeiten und immer wieder neue Projekte - nur wenige Arbeitsfelder sind derart spannend und vielseitig wie die Bauwirtschaft. Kaum ein Ort vermittelt das besser als das Bau-ABC Rostrup in Bad Zwischenahn. Denn die Faszination am Bauberuf zu schüren, ist hier nicht nur Kür, sondern Pflicht, wie Emke Emken, Geschäftsführer und Leiter der Bildungszentren, sowie Hermann Greve, Leiter Maschinen- und Metalltechnik, bei einem Besuch der ABZ vor Ort erklärten.

Das Bau-ABC Rostrup ist nach eigenen Angaben eines der größten Bildungszentren der Bauwirtschaft in Deutschland. Seit 1976 kümmert sich die Einrichtung um die überbetriebliche Ausbildung im Rahmen der drei- oder zweijährigen Ausbildung in nahezu allen Berufsfeldern des Hoch-, Aus- und Tiefbaus. Auf einer Grundfläche von 95 000 m² befinden sich inzwischen 20 Lehrwerkhallen mit 700 technischen Ausbildungsplätzen. Erstaunliche 13 000 m² Ausbildungs-Hallenflächen, 22 000 m² Ausbildungs-Freiflächen sowie 22 Schulungs- und Seminarräume erwarten Auszubildende, die hierher kommen.

Neben den Räumlichkeiten für die technische Ausbildung befinden sich auf dem Gelände auch ein Internat bzw. Gästehaus mit 210 Betten, eine Großküche und ein angegliedertes Freizeithaus mit Sporthalle, Fitness-Center, Kegelbahn, Internetcafé, Sauna etc.. "Insgesamt 37 Wochen befinden sich die Jugendlichen während ihrer gesamten dreijährigen Ausbildungsdauer hier in Bad Zwischenahn. In dieser Zeit sollen sie möglichst viel lernen, gleichzeitig aber auch in puncto Freizeitgestaltung keine Kompromisse machen müssen", erläutert Emke Emken.


Faszination Bauberuf

Emken ist überzeugt: "Die Bauwirtschaft ist eine faszinierende Branche auf allen Ebenen". Dafür kann heute nicht genug geworben werden, denn hier im Bau-ABC Rostrup steht man zusammen mit den Bauunternehmen an vorderster Front im Kampf gegen den Fachkräftemangel. "Vor zehn Jahren hatten wir 1,5 Mio. Mitarbeiter in der Branche", erinnert sich Emken, der seine Arbeit am Ausbildungszentrum 1990 aufgenommen hat. In Folge des demografischen Wandels, aber auch des rigorosen Anpassungsprozesses während der globalen Wirtschaftskrise in den Nullerjahren ist die Zahl der Arbeitnehmer am Bau um fast die Hälfte geschrumpft. "Angesichts der aktuell florierenden Auftragslage suchen die Firmen händeringend nach Facharbeitern. Ein Nachteil für die Branche, der für die Auszubildenden aber auch Vorteile hat", sagt Emken. Wer eine gute Ausbildung abgeschlossen hat, finde heute ohne Weiteres eine lukrative Beschäftigung in der Bauwirtschaft. Gründe für den Berufseinstieg in der Baubranche gibt es aus Emkens Sicht viele. Neben der vielseitigen Arbeit und der sehr guten Ausbildungsvergütung zählt für ihn u. a. das Sozialkassensystem der Bauwirtschaft dazu. "Winter- und Urlaubsgeld sind Dinge, die es fast nur in der Baubranche gibt", meint Emken. Seit der letzten Tarifrunde werden auch Fahrkosten für Auszubildende bezuschusst u .v. m.. "Es gibt bundesweit etwa 180 Bildungszentren dieser Art, die direkt durch die Branche finanziert werden. Jährlich investiert die Bauwirtschaft allein in die Erstausbildung rd. 300 Mio. Euro", betont Emken und fügt hinzu: "Darüber wird viel zu wenig gesprochen. Wir stellen immer wieder fest, dass die Baubranche im Kern selbst gar nicht weiß, wie attraktiv sie ist."

Junge Menschen für die Arbeit in der Bauwirtschaft zu begeistern gehört für das Bau-ABC Rostrup zum Geschäftsmodell. Das Ausbildungszentrum ist keine öffentliche Schule oder dergleichen, wie Emken betont, sondern ein nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführtes Bildungsunternehmen - darauf angewiesen, schwarze Zahlen zu schreiben. An den beiden Standorten des Bau-ABC Rostrup in Bad Zwischenahn und des ABZ Mellendorf bei Hannover werden aktuell 2276 Auszubildende betreut. Finanziert wird das überwiegend auf Basis eines Umlagesystems über die Sozialkassen der Bauwirtschaft (Soka-Bau).


"Wir können nur gut sein"

Die Ausbildungsleistung rechnet das Bau-ABC Rostrup direkt mit der Soka-Bau ab. Abgerechnet werden kann allerdings nur, wenn ein Auszubildender anwesend ist. D. h., wenn er erkrankt ist oder schlichtweg nicht erscheint, kann nicht abgerechnet werden. "Falls die jungen Leute einmal eine sogenannte ,Unlustzerrung' verspüren, sollen sie das Gefühl bekommen, etwas zu versäumen", schmunzelt Emken und führt aus: "Das ist möglicherweise eine Erkenntnis, die es in der Schule nicht gegeben hat. Dort hat es vielleicht nicht so stark interessiert, wenn ein Schüler einmal nicht anwesend gewesen ist. Wir hingegen haben in unseren beiden Bildungszentren eine Fehlzeitenquote von ca. 3,4 % - das ist quasi gleich null."

Das Umlagesystem ermöglicht auch eine Menge soziale Vergünstigungen für die Auszubildenden, bspw. die Internatsunterbringung und Vollverpflegung sowie das umfangreiche Freizeitangebot vor Ort. Wo die Ausbildungsbetriebe ihre Auszubildenden hin schicken, liege ganz bei ihnen. "Wir können niemandem Vorschriften machen, wir können nur gut sein", gibt Emken zu verstehen.


Schippen war gestern

Ein wichtiger Punkt, wenn es darum geht, den Nachwuchs zu begeistern, ist das Thema Technologie. "Es gibt einen guten Grund dafür, dass man im Bau-ABC Rostrup kaum irgendwo eine Schaufel stehen sieht", erklärt Emken. In allen Bereichen kommt heute mehr und mehr Hightech-Arbeitsgerät zum Einsatz. Von der digitalen Erfassung der Baustelle über die neuesten Steuerungs- und Assistenzsysteme in den aktuellen Baumaschinen bis hin zum Einsatz von hochkomplexer Simulationstechnik in der Ausbildung zum Baugeräteführer deckt das Ausbildungsangebot des Bildungszentrums so gut wie jede technologische Weiterentwicklung der Branche ab. Wenn es um moderne Maschinentechnik geht, weiß das niemand besser als Hermann Greve. Er ist seit 25 Jahren als Maschinenbaumeister im Bau-ABC Rostrup tätig und übernahm als Leiter Maschinen- und Metalltechnik die Aufgabe, aktuelle Technologien der Bauwirtschaft in die Bildungsarbeit des Bau-ABC Rostrup zu integrieren.

Um möglichst praxisnah an aktuellen Materialien und der neuesten Maschinentechnik ausbilden zu können, pflegt das Bau-ABC Rostrup diverse Partnerschaften mit Herstellern aus der Baustoff- und Baumaschinenindustrie. "Eine Win-Win-Situation für beide Seiten", sagt Greve. Die Hersteller können ihre Mitarbeiter direkt zu Lehrgängen ins Bau-ABC Rostrup schicken. Darüber hinaus erhalten sie laut Greve wertvolles Feedback von den Auszubildenden, die i. d. R. mit Kritik nicht hinterm Berg halten.


In den Maschinen und um die Maschinen herum legt das Bau-ABC Rostrup großen Wert auf eine möglichst umfassende Wissensvermittlung. "Wir denken stets an die gesamte Prozesskette", unterstreicht Greve. Ein Beispiel hierfür sei die Ausbildung zum "Baugeräteführer": Dabei lernen Teilnehmer im ersten Ausbildungsjahr zunächst die gängigen Schweißverfahren kennen, Tragwerksgerüste im Team zu erstellen sowie dabei die entsprechenden Arbeitsschutzmaßnahmen zu berücksichtigen. Im zweiten Lehrjahr liegt die Ausrichtung auf der Durchführung von Baustellensituationen mit Original-Materialien und -Maschinen. Auch die Aufrechterhaltung der Betriebsbereitschaft einer Baumaschine wird gelehrt. Anschließend lernen sie, zu ermitteln, wie viel Aushub eine Baustelle ergibt und wie viele Stunden dafür anzusetzen sind. Am Ende der dreijährigen Ausbildung haben die angehenden Baugeräteführer eine Grundausbildung im Bearbeiten von Metallen absolviert. Sie kennen sich mit Prüf- und Messgeräten sowie mit Reparaturwerkzeugen aus, wissen alles Wichtige über Maschinenbauteile und ihre Funktionen und können sämtliche elektronischen, hydraulischen und pneumatischen Gerätesteuerungen an Baumaschinen bedienen.

Führend sei das Zentrum u. a. bei der grabenlosen horizontalen Spülbohrtechnik (engl.: Horizontal Directional Drilling, kurz HDD). "Dabei lehren wir alles, was zur gesamten Prozesskette gehört - von der Auswahl der richtigen Ausrüstung über die Berechnung der Intensität der Spülung und welche Fremdmassen als Sondermüll zu entsorgen sind. Letztlich muss v. a. das Bohrwerkzeug sowie die Ortungs-, Pumpen- und Felsbohrtechnik beherrscht werden u. v. m.", so Greve.


Grünstift statt Rotstift

Ein klassisches notenorientiertes Bewertungssystem für die Leistungen der Auszubildenden gibt es nicht. "Noten sagen uns nichts über das Potenzial eines jungen Menschen", sagt Emken. "Jeder Mensch ist ausbildungsfähig, oft stimmen jedoch die Instrumente nicht. Wir wollen Menschen entwickeln und nicht nur auf Fehler hinweisen." Auch den Rotstift gibt es in Bad Zwischenahn deshalb nicht. Er wurde durch einen Grünstift für konstruktives Feedback ersetzt. Beobachten, Reden, Öffnen und Entwickeln heißt die Devise für Emken und sein Team.

Das System sei wertneutral und völlig transparent. Die Kriterien sind auf der Internetseite des Bau-ABC Rostrup für jeden offen einsehbar. Am Ende bekommen die Firmen einen gut ausgebildeten Facharbeiter, bestätigt Emken und ergänzt: "Wobei die Betriebe selbst natürlich auch auf der Baustelle ausbilden müssen." Nicht nur auf der Baustelle, auch in der Lebenswelt der jungen Menschen spielt die Digitalisierung eine immer größere Rolle. Dem soll auch die Ausbildung selbst in nichts nachstehen. "Die jungen Leute leben in ihrer digitalen Welt - wenn wir sie da rausreißen, dann verursachen wir eine Wunde", sagt Emken.

Statt Handys rigoros zu verbieten, setzt das Bau-ABC Rostrup auf Medienkompetenz mit festgelegten Nutzungsregeln. "Wir haben dafür eigens eine App entwickelt", schildert Emken. "Im neuen Ausbildungsjahr wird dann jeder Auszubildende mit einem Tablet ausgerüstet. Damit verschaffen wir den Auszubildenden einen anderen Zugang zum Wissen. Die Jungs und Mädels werden dadurch nicht automatisch bessere Handwerker, aber sie bekommen eine offenere Aufnahme für Bildung."



Potenzial ist überall

Bei der Suche nach potenziellen Fachkräften muss man heute in alle Richtungen schauen, weiß Emken. Neben Realschülern kommen zunehmend auch Gymnasiasten in die Bau-Ausbildung, die den Wunsch hegen, praktisch zu arbeiten. Auch Studienaussteiger sind für die Bauwirtschaft eine sehr interessante Zielgruppe. "Das Riesen-Potenzial aus momentan 37 % Studienabbrechern möchten wir übergeordnet erreichen und Studienaussteigern einen wertschätzenden Übergang ermöglichen", schildert Emken. Auch Frauen finden heute vermehrt den Weg in die Baubranche - eine junge Dame ist im Bau-ABC Rostrup als Ausbildungsmeisterin aktiv. "Davon hätten wir gerne mehr, denn die Branche kann Frauen gute Perspektiven bieten", glaubt Emken.

Seit 2011 müssen alle allgemeinbildenden Schulen ab der 7./8. Klasse sukzessive Berufsorientierung betreiben. "Unsere Aktivitäten reichen daher bis zu Schülern, die wir in der überbetrieblichen Ausbildung mitlaufen lassen und denen wir Potenzialanalysen und Praktika anbieten", so Emken. Die Potenzialanalyse erstreckt sich über drei bis vier Tage. In unterschiedlichen Praxiseinheiten und einem Nachgespräch ermitteln dafür extra qualifizierte Mitarbeiter des Bau-ABC Rostrup die Stärken und Schwächen der Schüler: Wie kreativ ist er oder sie, wo liegen Schwerpunkte, die weiterverfolgt werden sollten? "Die Ergebnisdokumentation, die wir den Schülern schließlich mitgeben, gibt nicht vor, welchen Beruf sie konkret ergreifen sollen, doch diese zeigt differenziert auf, wo die persönlichen Stärken liegen", erläutert Emken.

Auch die Auszubildenden sind für Emken ein wichtiger Multiplikator: "Darunter gibt es viele, die positiv berichten. Steht ein angehender Baugeräteführer z. B. einem Schüler gleichen Alters gegenüber, der ihn fragt, wie das abläuft, hörte ich jüngst: ,Das ist hip - hier gibt es eine Gruppe von Gleichaltrigen, in der wir unter Gleichgesinnten sind. Wir müssen zwar arbeiten, verdienen aber auch gutes Geld.' Authentizität ist das A und O, weiß auch Greve: "Man muss die Auszubildenden begeistern und gleichzeitig darauf vorbereiten, dass die Arbeitsbedingungen zuweilen hart sein können. Auch mal unter widrigen Umständen draußen zu arbeiten lässt sich nicht verhindern, doch wenn die Auszubildenden erst einmal merken, dass sie gut sind und dass sie dafür eine faire Bezahlung bekommen, dann sind sie dabei."

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Verlagsbeilage Exkurs

Ausgabe 5/2018 - Ausbildung, Beruf und Karriere

Der Fachkräftemangel steht mittlerweile unangefochten an Platz 1 der Themen, die Unternehmen in Deutschland umtreiben. In der jüngsten Umfrage des Industrie- und Handelskammertages (DIHK) gaben kürzlich 61% der Teilnehmer an, dass sie in der zunehmend desolaten Personalsituation ihr größtes Geschäftsrisiko sehen. Auch in der Bauindustrie gerät die Nachwuchsgewinnung mehr und mehr zur Herkulesaufgabe....

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