Die Bauindustrie kann jungen Menschen ein ebenso faszinierendes wie herausforderndes und stabiles Arbeitsumfeld bieten. Davon ist Andreas Schmieg, Vizepräsident Sozialpolitik des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, fest überzeugt.

„Wir können jungen Menschen einiges bieten“


Dieses Interview wurde im Exkurs 5/2018 veröffentlicht.
 

EXKURS: Herr Schmieg, der Bauindustrie geht es konjunkturell seit einiger Zeit ausgesprochen gut. Im Grunde müsste sie doch eine enorme Anziehungskraft auf Ausbildungssuchende und Berufseinsteiger haben . . .?

Schmieg: Ja, so ist es. Egal, wo sie hinschauen, wird heute überall gebaut. Die Nachfrage nach Bauleistungen ist immens hoch und da das Bauen nach wie vor sehr stark von handwerklichen Fähigkeiten abhängig ist, haben wir einen entsprechend hohen Bedarf an Fachkräften in der Bauindustrie. Gerade für junge Menschen ist jetzt der richtige Zeitpunkt, in diese Branche einzusteigen. Erfreulicherweise steigt die Zahl derer, die sich für den Weg in die Bauindustrie entscheiden, wieder merklich. Aktuell verzeichnen wir in diesem Jahr13 000 neue Ausbildungsverträge, also etwa 900 mehr als 2017. Das ist eine Entwicklung, die schon ein Stück weit gegen den Trend verläuft. Ganz besonders freuen wir uns darüber, dass wir auch bei den gewerblichen Arbeitnehmern, wo der Bedarf am größten ist, ein deutliches Wachstum sehen.

EXKURS: Woher kommt diese positive Entwicklung?

Schmieg: U. a. daher, dass die Branche das Thema Ausbildung wieder sehr hoch hält. Ja, der Bedarf an Fachkräften ist da. Wir können den jungen Menschen aber auch einiges bieten! Zum anderen zeigt sich hier auch, dass sich die Bauwirtschaft mittlerweile sehr gut darauf versteht, ausländische Arbeitskräfte zu integrieren. Im vergangenen Jahr hat die Bundesagentur für Arbeit etwa 3000 Migranten vermittelt, davon allein 500 bei uns.

EXKURS: Worauf ist der Mangel an Fachkräften am Bau aus Ihrer Sicht zurückzuführen?

Schmieg: Eine der zentralen Ursachen habe ich leider ganz persönlich miterleben müssen. Zwischen etwa 1995 und 2005 sind die Umsätze in der Bauindustrie aufgrund einer sehr unsteten Auftragslage dramatisch zurückgegangen. Entsprechend hat sich in dieser Zeit auch die Zahl der Mitarbeiter extrem reduziert - von einst 1,5 Mio. auf knapp die Hälfte davon.

Niemand baut gerne Personal ab. Als es dann später darum ging, Personal wieder aufzubauen, waren viele Unternehmen zu Beginn noch sehr vorsichtig. Zugleich steht die Bauindustrie zunehmend im Wettbewerb mit anderen Branchen.

Über allem steht natürlich der demografische Wandel. Wir haben in unserer Branche z. T. ganze Kolonnen, die im gleichen Alter sind und die entsprechend einmal als ganze Kolonne in den Ruhestand gehen werden. Im Moment haben wir bereits die Situation, dass wir weit mehr offene Stellen haben, als wir besetzen können. Das gilt sowohl für den gewerblichen Bereich als auch den Bereich der Ingenieure.

Allerdings geht es aktuell wieder deutlich voran. Derzeit verzeichnen wir bereits wieder weit über 800 000 Arbeitnehmer. Ob wir einmal wieder auf die 1,5 Mio. kommen, kann ich aktuell nicht sagen, aber der Trend zeigt stetig nach oben.

EXKURS: Wie viel Mensch wird in Zeiten der Digitalisierung und Automatisierung eigentlich noch gebraucht?

Schmieg: Der Mensch ist auf der Baustelle nach wie vor der wichtigste Faktor. Zwar werden immer mehr Arbeiten vom Menschen auf die Maschine übertragen, auch um die manuelle Belastung zu reduzieren, aber am Ende sind das alles nur Hilfsmittel. Vor Ort muss noch immer zusammengebaut, überwacht und angepasst werden. Und dafür brauchen wir unsere Mannschaften.

Die 1,5 Mio. aus dem letzten Jahrtausend sind sicherlich nicht der Richtwert für heute. Das ist aus meiner Sicht aber auch nicht die Frage. Was wir brauchen, sind v. a. Mitarbeiter, die die Faszination des Bauens teilen. Ein Bauwerk zu errichten ist eine komplexe, herausfordernde und damit faszinierende Aufgabe. Ein erfolgreich durchgeführtes Projekt ist auch mit einem gewissen Stolz für alle Beteiligten verbunden. Das alles macht einen Großteil der Attraktivität dieser Arbeit aus.

EXKURS: Gegen den demografischen Wandel hat die Industrie bekanntlich keine Handhabe. Was können die Firmen also gegen das Problem unternehmen?

Schmieg: In der Tat verlieren wir aktuell etwa 17 000 Mitarbeiter pro Jahr an die Rente. Diese Lücke können die Auszubildendenzahlen momentan nicht decken.

Ein wichtiger Ansatz ist, dass wir vermehrt auch Mitarbeiter aus anderen EU-Ländern hier bei uns binden, die wir hier integrieren und die langfristig Teil unseres Teams werden. Kontinuität ist dabei das oberste Gebot. Ein komplexes Bauwerk erstellen Sie nicht einfach mal so. Unsere Mitarbeiter müssen gut ausgebildet sein und Kolonnen müssen gut aufeinander eingespielt sein. Und das ist das übergeordnete Ziel: Mitarbeiter langfristig zu binden und so kontinuierlich Qualität anzubieten.

EXKURS: Welche Argumente sprechen aus Ihrer Sicht für den Berufseinstieg in der Baubranche?

Schmieg: Neben vielem anderen die bereits angesprochene Baukonjunktur. Die Unternehmen sind - auch aufgrund ihrer Erfahrungen - bei der Personalsuche heute viel nachhaltiger unterwegs. So können wir den jungen Menschen ein hohes Maß an Sicherheit bzw. Stabilität bieten, die diese auch vermehrt suchen. Darüber hinaus haben wir in den vergangenen Jahren extrem viel für attraktive Rahmenbedingungen und aussichtsreiche Perspektiven getan - nicht zuletzt in unseren regelmäßigen Tarifverhandlungen.

Die Ausbildungsvergütung in der Bauindustrie ist sehr gut. Grundsätzlich sind junge Mitarbeiter nach der Ausbildung bei uns sehr breit aufgestellt - sowohl, was ihre praktischen Fertigkeiten als auch ihre theoretischen Kenntnisse betrifft. Wer sich darüber hinaus weiterentwickeln möchte, für den stehen die Türen zur nächsten Stufe heute sperrangelweit offen. In unseren Ausbildungszentren betreiben wir die diversen Weiterbildungen zum Vorarbeiter, zum Polier oder auch zum Studium auf dem zweiten Bildungsweg etc. bereits seit Jahren und bringen diese regelmäßig nach vorne.

Nicht zuletzt aufgrund der kontinuierlichen technischen Neuerungen ist die Arbeit bei uns mit einem lebenslangen Lernen verbunden. Dabei haben wir stets großen Wert darauf gelegt, dass das auch mit sichtbaren Abschlüssen verbunden ist.

EXKURS: Ist die Baubranche zu konservativ für eine junge Generation von Digital Natives?

Schmieg: Die Baubranche war eigentlich nie rückständig. Schon zu Zeiten der Pharaonen spiegelte das Bauen den höchsten technischen Stand der Zeit wider. Das ist auch heute der Fall. Der technologische Fortschritt und die Digitalisierung begleiten uns am Bau schon lange - von der hochkomplexen Technik, die man heute in der Kabine einer Baumaschinen vorfindet, bis hin zum Polier, der heute ganz selbstverständlich mit dem Tablet über die Baustelle geht.

Das, was wir am Bau machen, ist technisch extrem anspruchsvoll und wird zunehmend von der Digitalisierung durchdrungen. Sowohl in der Planung als auch in der Ausführung. Dabei kommen zwei Dinge zusammen: hoch effiziente Prozesse und Verfahren sowie die Fähigkeit, den jeweils individuellen Ansprüchen eines Bauwerks Rechnung zu tragen. Das alles macht den Bau zu einer höchst spannenden Aufgabe und wer als junger Mensch gewillt ist, diesen Spagat zu vollziehen, der findet keinen besseren Arbeitsplatz als bei uns.

EXKURS: Wie unterstützt der Bauindustrieverband seine Mitglieder bei der Nachwuchswerbung?

Schmieg: Wir sind in diesem Punkt sehr breit aufgestellt. Unsere Landesverbände sind sehr nah an diesem Thema dran und entsprechend stark engagiert. Sie betreiben letztlich auch die zahlreichen Ausbildungszentren in der Bundesrepublik.

Ein ganz wichtiger Weg ist nach wie vor, mit entsprechenden Kampagnen in die Schulen zu gehen. Was sich geändert hat, ist die Art und Weise, wie man diese Zielgruppe heute ansprechen muss. Selbstverständlich muss man die heute vorhandenen Medienkanäle bedienen, auf denen die junge Generation unterwegs ist. Mit einfachen Flyern erreicht man heute niemanden mehr.

Was nach wie vor immer noch Wirkung zeigt, ist auch ein gestandener Mitarbeiter, der sich vor eine Klasse stellt, von seinen Erfahrungen berichtet und auf die Fragen der Schüler eingeht. Eine sehr erfolgreiche Aktion ist auch unser Ausbildungsbus, mit dem wir in der ganzen Bundesrepublik an die Schulen fahren. Diesen Bus haben wir umgebaut, so dass die jungen Leute darin hautnah erleben können, was die Bauindustrie an Werkstoffen und Verfahren vorfindet. Das ist ein echter Renner mittlerweile.

EXKURS: Worauf legen junge Menschen heute Wert, wenn sie in die Bauindustrie kommen?

Schmieg: Ein Thema, mit dem wir uns zunehmend beschäftigen, ist die sog. Work-Life-Balance. Mein erster Chef konnte damals nichts mit diesem Begriff anfangen. Die Zeiten haben sich jedoch geändert. Heute wird schon auch einmal gefragt, wo denn die Baustelle eigentlich ist, die es zu bearbeiten gilt. Heute steht nicht mehr allein die Freude an der technischen Herausforderung im Vordergrund. Familienplanung und Freizeit sind ebenso wichtige Aspekte im Leben der Menschen. Das müssen wir akzeptieren und uns ein Stück weit auch darauf einstellen. Wir können natürlich nicht nur dort bauen, wo es für die Arbeitnehmer komfortabel ist. Wir können aber intelligente Systeme in den Firmen schaffen, die beiden Seiten Rechnung tragen. Und das machen wir auch.

Anzeigen
Anzeigen

Verlagsbeilage Exkurs

Ausgabe 5/2018 - Ausbildung, Beruf und Karriere

Der Fachkräftemangel steht mittlerweile unangefochten an Platz 1 der Themen, die Unternehmen in Deutschland umtreiben. In der jüngsten Umfrage des Industrie- und Handelskammertages (DIHK) gaben kürzlich 61% der Teilnehmer an, dass sie in der zunehmend desolaten Personalsituation ihr größtes Geschäftsrisiko sehen. Auch in der Bauindustrie gerät die Nachwuchsgewinnung mehr und mehr zur Herkulesaufgabe....

weiterlesen auf exkurs.eu

Diese Webseite verwendet Cookies. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.Akzeptieren & SchließenWeitere Informationen